Frenkenbach VIII Cubanische Elegie 1. ursprügliche Originalversion, möglicherweise mißverständlich und vermeintlich politisch unkorrekt,
siehe hierzu auch die untigen Anmerkungen
Vergilbtes Che Guevara Plakat
An den Rändern gebräunt
Eine Ecke hängt runter
Losgerissen vom Durchzug
Staubsaugen bei offenen Fenstern
Wo doch Zugluft ungesund ist
Ausgefranst und gelöchert durch unzählige Reißzwecken
Abgenommen eingerollt Umzug
Angepinnt in der nächsten WG-Bude
Hasta la victoria siempre
Venceremos Comandante
Jesus Christus mit der Knarre
Daneben das Bob Dylan Poster
Das mit den Locken
Schwarzweiß mit Mundharmonika
Radio
Sender wählen
krchchpiüühbrtzpchüiih
Sobald sich das magische Auge verengt wird der Ton klar
Unser Auslandsreporter berichtet
Havanna
In der cubanischen Hauptstadt kam es
Durch fließenden Eiter in den Straßen
Zu erheblichen Behinderungen
Im Transportwesen sowie bei der Personenbeförderung
Teilweise konnte der Verkehr nicht weiter
Augenzeugen beobachteten
wie sich halbwüchsige Knaben an dem Eiter laben
An den Ecken
Stehend
Und dazu lauthals umba umba assa brüllen
Ursache sei nach gewöhnlich grün uniformierten Kreisen
Ein Negeraufstand auf der Karibikinsel
Indigene Unruhen würde man heute sagen
Dergleichen sei seit den Fünfziger Jahren nicht mehr vorgekommen
Weitere Nachrichten aus elenden Ländern
In unserem Abendjournal
Beim Gongschlag ist es fünf nach zwölf
Wir schalten um nach Baden-Baden
Zu unserer Musiksendung
Beschwingt in den Nachmittag
Sie hören aus aktuellem Anlaß:
Guantanamera, Cuando sali de Cuba, Que sera sera
krchchpiüühbrtzpchüiih
Langsam vergilbt das rote Che Guevara Poster
An der feuchten Wand
An den Rändern gebräunt
Eine Ecke hängt runter
Ausgefranst und gelöchert durch unzählige Reißzwecken
Rauche mit Volker eine Zigarre auf der Veranda
Also nicht zusammen eine
Jeder eine
In der Hand die Mundorgel
Lila Ausgabe ohne Noten, die billige
Lose Seiten zerfleddert
Negeraufstand ist in Cuba
Sowas haben wir früher gesungen
Muß man sich mal vorstellen
Während Che schon mit dem Motorrad unterwegs war
We shall overcome und Degenhardt kamen erst später
Vom nahen Friedhof läutet das Totenglöcklein
Volker hört die Signale
Wenn schon die Völker sie nicht hören
Triumph der Hoffnung über die Erfahrung
Die Lichter im Dorf verlieren sich im Rauch der Havannas
Hört ihr die Regenwürmer husten
Wenn sie durchs feuchte Erdreich ziehn
Auch durch unsere Gebeine werden einst die Würmer ziehn
Ob sie dabei husten weiß man noch nicht
Wenn alle Zigarren verbraucht sind
Bleibt als letztes die Erinnerung
Im Aschenbecher
Asche zu Asche
Es regnet
Stille senkt sich
Über Frenkenbach
Da einige Passagen der cubanischen Elegie möglicherweise Insiderwissen
bzw. "Seniorenwissen" :-) voraussetzen, bei dessen Fehlen
es zu Mißverständnissen kommen könnte (besonders bei dieser 1. Version),
hier einige
Anmerkungen für die jüngeren Generationen
Magisches Auge
Volkstümlicher Begriff für die Senderabstimmungsanzeige in alten Röhrenradios
Mundorgel
Die Mundorgel war das Gesangbuch der Pfadfinder, Wölflinge und
anderer christlicher Jugendorganisationen. Es enthielt traditionelles
Fahrten- und Wanderliedgut, teilweise auch ausgesprochen braune,
rassistische Lieder (allerdings nicht solch extreme, wie sie bei der
Bundeswehr und ganz ohne Mundorgel gesungen wurden -
selbstredend niemals offiziell, das würde heute wie damals
vehement dementiert werden - : "Wir essen Negerfleisch aus
Büchsen" etc.)
Wir haben die Mundorgellieder mit Begeisterung gesungen, obwohl wir keine Nazis
waren und auch nicht geworden sind. Was Rassismus überhaupt ist,
wussten wir damals noch nicht. (Hier kann ich allerdings nur für
mich und meine FreundInnen sprechen. Andere haben vielleicht Schaden
an ihrer Seele genommen).
Die Mundorgel gibt es heute immer noch. Die schlimmen Lieder wurden
inzwischen herausgenommen (u.a. auch zu Recht "Negeraufstand
ist in Cuba") und durch allerhand christliche, kritische,
friedensbewegte und poppige Songs ersetzt. So haben Bob Dylan, Pete
Seeger, die Beatles, Degenhardt, Biermann und sogar die
"Moorsoldaten" Einzug in die Mundorgel und damit an den
Lagerfeuern und Zeltcamps gehalten.
Klassiker wie "Bolle reiste jüngst zu Pfingsten" sind uns aber
zum Glück erhalten geblieben.
Neger
"Neger" war bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts die verbreitete Bezeichnung (sogar in offiziellen
Nachrichtensendungen, Presse usw.) für Menschen
mit schwarzer oder dunkler Hautfarbe, meist afrikanischer Abstammung. "Nigger" war damals schon abwertend und diskriminierend.
Später galten dann Bezeichnungen wie "Schwarze" oder "Farbige" als politisch korrekt.
Dann gab es auch noch Mestizen, Mulatten, Indianer, Indios, Ureinwohner, Eingeborene ...
Heute spricht man von Afrikanern oder Afroamerikanern, bei Indianern und Indios von "American Natives" und "indigen".
Ich persönlich halte "indigen" auch für ein schlimmes Wort.
Ich würde z.B. nicht gerne als germanogen oder indogermanogen oder ariogen oder so bezeichnet werden.
Dann schon lieber als Deutsche, Weiße, Gringo (bzw. Gringa? Gibt’s das?) oder Bleichgesicht.
Die AutorIn